Archive for Juni, 2012



Achtung: Das Lesen des anschließenden Textes erfordert Phantasie und zwar die eigene. Ist diese nicht gegeben, sondern geklaut, erstohlen und erlogen, drohen folgende Nebenwirkungen:

Verirrung

Verwirrung

Verrücktheit

Die Erkenntnis, dass man Phantasie nicht kaufen kann. Zumindest nicht die Eigene.

Zu weiteren Risiken & Nebenwirkungen frag doch deinen Freund oder Psychotherapeuten.

Zurück vom Besuch bei den russischen Textilarbeiterinnen von Aleksandr Dejneka, die definitiv zu viel arbeiten und Takt halten müssen mit den ewig laufenden Maschinen, diesem Uhrwerk, besucht der Clown nun den Jahrmarkt in Berlin. Für ein wenig Zerstreuung mit der Hübschesten der Textilarbeiterinnen, die er mitgenommen hat. Ihre vornehme Blässe, ihr weisses Kostüm sowie ihre Stille sind ihm gute Begleiter. Mit viel Rhythmusgefühl taktiert sich das Paar, vorbei an der Zuckerwatte, der Geisterbahn, den Losverkäufern, auf das Riesenrad zu. Der Clown zeigt ihr voller Stolz seinen Platz. Er gibt vor, hier zu wohnen, Besitzer des Riesenrads zu sein und 100 % der Eintrittsgelder behalten zu dürfen – die 12 % Provision der Deutschen Bank verschweigt er dezent. Jedes Kind in Berlin will seinen Namen kennen und mit einer seiner lustigen Gute-Nacht-Geschichten einschlafen.

Ja ja.

Sie nehmen sich eine Gondel über die Dächer hinweg zu den Wolken. Die Gondel verharrt und wiegt sich im Takt des Windes. Ein Kuss des Clowns auf die Lippen der Dame aus Russland entdeckt: Sie schmeckt nach Plastik und Öl. Igitt spuckt der Clown aus und erschrickt. Sie hat ihn geblendet. Er war überzeugt, sie wäre  wirklich verliebt. Sie hat falsche Hoffnungen in ihm geweckt. Ein wenig beleidigt, enttäuscht sieht er sie an. Doch kein Blick zurück. Plastik kennt kein Gefühl. Wohin nun mit ihr?

Über den Wolken denkt es sich so leicht, dass er dem Einfall, neben der Puppe aus Russland auch seine vielen und guten Ideen gewinnbringend zu verkaufen, nicht widerstehen kann.

Die Phantasie soll ihm das Startkapital sein. Er wird einen wohlwollenden Bankberater auftreiben, einen Kredit aufnehmen und umgehend eine Fabrik mit drei Produktionslinien, die im Schichtbetrieb, seinen Verkaufsschlager herstellen, bauen.

Das Produkt wird unter dem Markennamen „Ein Stück Phantasie“, 5 g in einer Schachtel aus Luft, eine ganz umweltfreundliche Verpackung, verkauft. Für 5 € das Stück. Die Markterschließung wird über das Internet stattfinden, zunächst in Europa, später dann auf interkontinentaler Ebene, um schlussendlich als großer transnationaler Konzern, der zwar nicht viel zu geben hat, aber damit viel Geld macht, weltweit agieren zu können.

Der Deutsche-Bank-Berater gibt dem Clown einen höheren Kredit als gewünscht. Da habe er sich für den Clown sehr ins Zeug gelegt, sagt er. Und das in diesen Zeiten. Es sei bereits als ein Teilerfolg anzusehen. Ganz beachtlich, ganz beachtlich sein Wirtschaftsplan, sein durchdachtes Portfolio. Stoßende Gläser klirren schrill.

Auf gute Geschäfte!

Du Clown, du kannst schon mal beginnen, den Müll in den Gondeln zu entsorgen. Was die Leute alles liegen lassen. Na, du wirst schon sehen. Reichen dir 4,50 € die Stunde? Als Tagelöhner, kannst du ja froh sein, überhaupt was gefunden zu haben- so bar auf die Kralle-

Cash for Cutie.

Der Clown schaut sich um. Die Jahrmarktbesucher sind verschwunden. Sein neuer Chef macht ihm Beine. Kritisch mit hartem Blick,  betrachtet er die anderen Fahrgestelle.

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Karls Werk oder meine Wut


Karl lächelt auf mich herab.

Von da oben

sitzend

ist er mir fern.

Ein zeitloses Arschloch, ein Tunichtgut, ein Genie.

Der uns erinnert

an

ein Tabu.

Also prüfe ich was er sagt, ganz still in meinem Nebenzimmer.

Beginne mich zu fragen,

was ich für eine Devise trage auf meinem T-Shirt.

Ich weiß es nicht.

Dem nicht genug.

Ich rege mich weiter auf

das Grau zu.

Denn Ahnungslose begleiten mich.

Ein Konflikt.

Sie freuen sich über Karl und pflegen ihn.

Über meinen Kopf hinweg,

der doch viel hübscher ist.

Verfolger


Auszeit.. Der Clown an diesem Sonntag auf einer Wiese liegend, grasgrün, durchsetzt von dem Rot des Klatschmohns.

Sein heute ungeschminktes Gesicht (denn es ist Sonntag) auf den verschränkten Armen liegend,

sieht & denkt & stöhnt vielleicht manchmal.

Sein Blick in den Himmel zeigt uns:

pompöse Schäfchenwolken, die von feinen Schleierwolken, Pinselstrichen gleich, verfolgt werden.

Mit Freuden verfolgt er den Tanz der Schwalben, die ihm ihre beste Show zeigen.

Künstler. Diese stolzen und turnenden Flieger flüstern ihm was

von Körperbeherrschung, dem Instinkt in ferne Länder zu reisen

und davon, hier immer irgendwo eine Mücke zu finden, die satt macht.

Will ich sie alle zum Lachen bringen? Kann ich das? Raus aus meinem Mikrokosmos?

Es ist Sonntag: hetze nicht durch den Tag. Sieh doch die Vögel, die wissen auch nicht, was der nächste Tag bringt und ernähren sich doch..

Ich könnte Mehlwürmer essen. Gesund, proteinreich, aber nicht vegetarisch. Kommen also nicht in Frage. Schön billig wären sie aber..

Was die Matrosin wohl macht? Schmollt sicher, weil ich mich nicht melde.

Wie meine Rechnungen bezahlen? Der Untermieter will bald raus.

Ich möchte jetzt noch ein Soja-Eis. Und überhaupt, was will ich euch da draußen von mir zeigen?

Seinen nächsten Besuch wird er den russischen Textilarbeiterinnen von Aleksandr Dejneka abstatten. Also verfolgt er die Absicht den Sonntag noch Sonntag sein zu lassen und nicht zu:

Hetzen

Kaufen

Brauchen

Arbeiten- ob geistig oder körperlich- egal

Grübeln

Telefonieren

Da klingelt sein Smartphone.

Es ist die Matrosin.


Hunger. Ich werfe meinen Mantel über, schließe die Tür ab, hetze die Treppe hinunter.

Starrende Gesichter. Auf der Straße. Laufen vorbei. Ich will nur eine Tütensuppe. Also in den Konsumtempel nebenan. Auf drei Ebenen finde ich dort alles.

Angekommen. Drei mal tief durchatmen und durch die Masse schlagen. George Michaels „Freedom“ dröhnt aus der Elektromarkthalle. Von rechts plätschert Beruhigungsmusik aus dem Drogerie-Markt, abgelöst von Rihanna in der nächsten Boutique. Menschen. Dünne, Dicke, Alte, Junge, Familien, einige Wachmänner, eilige Geschäftsleute, Teenies. Menschen, die mir im Weg stehen. Menschen, die ihre Nasen an den Schaufenstern platt drücken. Menschen, die an den vielen Fressständen stehen. All diese Menschen und ich im Tempel.

Ich verharre auf der Rolltreppe und fahre nach unten. Leckere Düfte der angebotenen Lebensmittel vermischen sich mit dem Schweißgeruch des vor mir stehenden Mannes. Mein Bauchgefühl? Es kriecht meine Speiseröhre hoch und schnürt mir den Hals zu.

Unten. Endlich. Ich schiebe mich an der Menschenmenge vorbei. Halt? Niemand sieht mich. Die Augen der Konsumenten haben einen anderen Auftrag zu erfüllen. Da. Die Bank, neben dem Springbrunnen mit den Plastikpflanzen. Ich wanke drauf zu.  Einer schubst mich. Alles wird schwarz. Der Boden. Kontrolle? Verlust. Ergebe mich. Falle auf den Marmorboden. In die Dunkelheit der weiten Zeitlosigkeit.

Was ich nicht sehe? Die Konsumenten, die einen Kreis bilden, um mein Elend nicht zu verpassen. Was ich nicht höre? Das Getuschel. Weshalb und warum.

„Wir freuen uns Sie in unserer Einkaufsoase begrüßen zu dürfen. Sie finden Service und kleine Preise unter einem Dach. Das 6er Pack Socken für nur 5€…“ „Können Sie mich hören?“ Wie? Ich jetzt? Meine Augen öffnen.

Jetzt! Fällt mein Blick auf.

Offene Münder erstarren mich.

1. Rücken Sie

2. vor bis

3. auf Los!


Auch Clowns wollen essen. So begibt sich unser Protagonist in den Supermarkt und wird Zeuge folgender Szene:

Verkäuferin: Guten Tag. Sie wünschen?

Kunde 1: Hallo. 1 Pfund gemischtes Hackfleisch bitte.

Verkäuferin: Es ist gerade aus. Wird soeben durch den Fleischwolf gedreht. Der Kollege bringt es gleich. Darf es sonst noch etwas sein?

Kunde 1: Nein danke.

Verkäuferin: Ich kann Ihnen auch ganz hervorragendes Sojafleisch anbieten.

Kunde 1: Was?

Verkäuferin: Sojafleisch aus der Region. Ist gerade im Angebot.

Kunde 1: Nein. Vielen Dank. Ich warte lieber auf mein Hack.

Verkäuferin: Dann warten Sie bitte noch einen Moment. Wer bekommt als Nächstes?

Kunde 2: Ich hätte gern ein paar Scheiben von der Geflügelwurst. Und 1,2 Wiener bitte.

Verkäuferin: Welche meinen Sie? Diese?

Kunde 2: Ja genau.

Verkäuferin: Das ist unsere Kräuter-Tofurolle. Die kann ich Ihnen sehr empfehlen.

Kunde 2: Ach die ist nicht aus Fleisch?

Verkäuferin: Oh Gott bewahre. Das wäre ja ekelig.

Kunde 2: Wie? Ernsthaft? Dann nehme ich statt der Geflügelwurst lieber 4 Wiener Würstchen. Ist das möglich?

Verkäuferin: Aber selbstverständlich. Wir haben delikate Soja-Bratwürste, allerdings nicht aus der Region. Darf ich Ihnen davon welche geben?

Kunde 2: Ja, wenn es keine Wiener gibt.

Kunde 1: Entschuldigung, wann kommt denn nun mein Hackfleisch?

Verkäuferin zu Kunde 2: Bitte sehr, hier Ihre Soja-Bratwürste. Wie die gewöhnlichen Würstchen zubereiten. Guten Appetit.

Verkäuferin zu Kunde 1: So, nun zu Ihnen: Wieviel darf es nochmal vom Sojahack sein? 1 Pfund?

Kunde 1 verzieht genervt das Gesicht und geht.

Verkäuferin: Schönen Tag noch. Und für Sie, Sie Clown? Was darf es für Sie sein? Sie sehen nach vegetarischem Gyros aus.


Über den Clown..

Seine biographischen Eckdaten liegen irgendwo dazwischen:

1.) Kindheit während der letzten Atemzüge des Kalten Kriegs. Es gab die RAF.

2.) Pubertät durchlebt als die Wende und ihre vollbusige Freundin Wiedervereinigung unsere fette Zukunft und blühende Landschaften heraufbeschworen. Was ist geblieben?

3.) Das Weltbild einer universellen, befriedeten Konsumgesellschaft wurde durch 9/11 zerstört und hinterließ einen verunsicherten Twen. Die Entscheidung sich zum Clown ausbilden zu lassen begründet der Clown heute darin.

4.) Wo sind die Millenium-Goals? Der Weltfrieden hat sich nun völlig verpisst. Die Konsumgesellschaft, die frisst statt zu streiken, ist uns geblieben. Sie wird immer fetter.

5.) Der Feind kommt von innen. Zwischenstaatliche Kriegsstrategien greifen nicht mehr. Die Gier, eine der Todsünden, wird zur neuen Sucht. Wir führen erneut Glaubenskriege?!

6.) Das Finanzsystem ist los und unsere Rechenmaschinen bestimmen Zeitgeist wie Alltag.

7.) Der große letzte Bruder ist nicht mehr wirklich rot und überschwemmt unseren Markt mit massenhaft hergestellten elektronischen Kleingeräten.

8.) Die EU importiert nun keinen Rohstoff mehr aus Iran sondern Aserbaidschan.

Clowns Charakter- geprägt neben familiären, sozialen Faktoren, auch von o.g. Eindrücken und  Erlebnissen:

Er ist schüchtern. Nein leise. Beides. Dennoch bunt, nicht grau. Ein Kind, welches sich ständig neu erfindet, aber auch sucht.

Ihm fehlt Anerkennung und Applaus. Der Lohn aller Künstler. Denn die Leute, sein Publikum,bleiben aus. Alle hetzen! Scheuchen ihr Hamsterrad. An ihm vorbei. Gescheucht von ihrem Arbeitgeber, ihrer Lust nach Konsum und der Angst in diesem technischen Spiel zu verlieren.

Das bedrückt den Clown. Wie oft ich ihn schon aufbauen musste. Hat es nicht leicht zwischen Krusty, dem Clown und Ronald Mc Donald. Selbstfindungsprobleme. Identifikation! Womit? Ganz nach Kant fragt er immer mal! wieder: Was kann ich wissen? Was darf ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch?

Die Pflicht zum Multitasking zerstreut ihn regelmäßig.

Und dann kommt er zu mir und fragt mich: „Sollen wir Bubble Tea trinken oder doch lieber mit den Kröten wandern?“