Achtung: Das Lesen des anschließenden Textes erfordert Phantasie und zwar die eigene. Ist diese nicht gegeben, sondern geklaut, erstohlen und erlogen, drohen folgende Nebenwirkungen:

Verirrung

Verwirrung

Verrücktheit

Die Erkenntnis, dass man Phantasie nicht kaufen kann. Zumindest nicht die Eigene.

Zu weiteren Risiken & Nebenwirkungen frag doch deinen Freund oder Psychotherapeuten.

Zurück vom Besuch bei den russischen Textilarbeiterinnen von Aleksandr Dejneka, die definitiv zu viel arbeiten und Takt halten müssen mit den ewig laufenden Maschinen, diesem Uhrwerk, besucht der Clown nun den Jahrmarkt in Berlin. Für ein wenig Zerstreuung mit der Hübschesten der Textilarbeiterinnen, die er mitgenommen hat. Ihre vornehme Blässe, ihr weisses Kostüm sowie ihre Stille sind ihm gute Begleiter. Mit viel Rhythmusgefühl taktiert sich das Paar, vorbei an der Zuckerwatte, der Geisterbahn, den Losverkäufern, auf das Riesenrad zu. Der Clown zeigt ihr voller Stolz seinen Platz. Er gibt vor, hier zu wohnen, Besitzer des Riesenrads zu sein und 100 % der Eintrittsgelder behalten zu dürfen – die 12 % Provision der Deutschen Bank verschweigt er dezent. Jedes Kind in Berlin will seinen Namen kennen und mit einer seiner lustigen Gute-Nacht-Geschichten einschlafen.

Ja ja.

Sie nehmen sich eine Gondel über die Dächer hinweg zu den Wolken. Die Gondel verharrt und wiegt sich im Takt des Windes. Ein Kuss des Clowns auf die Lippen der Dame aus Russland entdeckt: Sie schmeckt nach Plastik und Öl. Igitt spuckt der Clown aus und erschrickt. Sie hat ihn geblendet. Er war überzeugt, sie wäre  wirklich verliebt. Sie hat falsche Hoffnungen in ihm geweckt. Ein wenig beleidigt, enttäuscht sieht er sie an. Doch kein Blick zurück. Plastik kennt kein Gefühl. Wohin nun mit ihr?

Über den Wolken denkt es sich so leicht, dass er dem Einfall, neben der Puppe aus Russland auch seine vielen und guten Ideen gewinnbringend zu verkaufen, nicht widerstehen kann.

Die Phantasie soll ihm das Startkapital sein. Er wird einen wohlwollenden Bankberater auftreiben, einen Kredit aufnehmen und umgehend eine Fabrik mit drei Produktionslinien, die im Schichtbetrieb, seinen Verkaufsschlager herstellen, bauen.

Das Produkt wird unter dem Markennamen „Ein Stück Phantasie“, 5 g in einer Schachtel aus Luft, eine ganz umweltfreundliche Verpackung, verkauft. Für 5 € das Stück. Die Markterschließung wird über das Internet stattfinden, zunächst in Europa, später dann auf interkontinentaler Ebene, um schlussendlich als großer transnationaler Konzern, der zwar nicht viel zu geben hat, aber damit viel Geld macht, weltweit agieren zu können.

Der Deutsche-Bank-Berater gibt dem Clown einen höheren Kredit als gewünscht. Da habe er sich für den Clown sehr ins Zeug gelegt, sagt er. Und das in diesen Zeiten. Es sei bereits als ein Teilerfolg anzusehen. Ganz beachtlich, ganz beachtlich sein Wirtschaftsplan, sein durchdachtes Portfolio. Stoßende Gläser klirren schrill.

Auf gute Geschäfte!

Du Clown, du kannst schon mal beginnen, den Müll in den Gondeln zu entsorgen. Was die Leute alles liegen lassen. Na, du wirst schon sehen. Reichen dir 4,50 € die Stunde? Als Tagelöhner, kannst du ja froh sein, überhaupt was gefunden zu haben- so bar auf die Kralle-

Cash for Cutie.

Der Clown schaut sich um. Die Jahrmarktbesucher sind verschwunden. Sein neuer Chef macht ihm Beine. Kritisch mit hartem Blick,  betrachtet er die anderen Fahrgestelle.